Nickelpreis rutscht auf 2-Jahrestief ab

Nach der ausgeprägten Seitwärtsbewegung der Vormonate ist der Nickelpreis zuletzt stark unter Druck geraten. Am Spotmarkt verbilligte sich das überwiegend zur Herstellung von Edelstahl eingesetzte Metall in den vergangenen zwei Wochen um satte 12%. Aktuell notiert Nickel Spot bei rund 23.000 USD je Tonne und damit so niedrig wie seit beinahe zwei Jahren nicht mehr. Die fast schon crashartige Bewegung der letzten Wochen kam für die meisten Marktteilnehmer und Marktbeobachter (einschließlich uns) überraschend, da es kaum fundamentale Entwicklungen für eine derart heftige Preisbewegung zu vermelden gab.
Im Gegenteil: Das fundamentale Umfeld am Nickelmarkt hatte sich zuletzt sogar wieder etwas aufgehellt. So meldete das World Bureau of Metal Statistics (WBMS) unlängst ein Produktionsdefizit für den Weltnickelmarkt von 9.300 t für das erste Quartal 2008. Auch die jüngste Entwicklung bei den Lagerbeständen deutete eher auf eine Nachfrageverbesserung als eine –abschwächung hin. Erstmals seit Beginn der Aufstockungsphase im Mai 2007 weisen die Nickelbestände in den Warenhäusern der Londoner Metallbörse wieder einen rückläufigen Trend auf (siehe Grafik S. 2). Und auch die aktuellen Prognosen der International Nickel Study Group reflektieren einmal mehr ein äußerst robustes Marktumfeld für das laufende Jahr.

Technische Verkäufe als Auslöser der Korrektur
Vor dem Hintergrund obiger Ausführungen erscheint der drastische Preisverfall am Nickelmarkt aus unserer Sicht rein technisch getrieben zu sein. Dahingehend dürfte auch der signifikante Anstieg im Open Interest zu interpretieren sein. So legt die neuerliche Zunahme von mehr als 8% binnen zwei Wochen, bei zugleich fallenden Nickelpreisen einen deutlichen Aufbau frischer Shortpositionen nahe. Das langsame “Abbröckeln“ des technischen Bildes und das allg. verschlechterte Marktsentiment dürfte v.a. die trendfolgenden Fonds dazu animiert haben, neue Wetten auf einen fallenden Nickelpreis einzugehen.
Trendwende bei den LME-Lagerbeständen
Wie bereits eingangs erwähnt zeigen die Lagerveränderungen der letzten fünf Wochen erste Anzeichen einer möglichen Trendwende. Nach der signifikanten Aufstockungsphase bis Ende April/Anfang Mai, die die LME-Nickelbestände auf den höchsten Stand seit 1999 anschwellen ließ (52.000 t), ist seither ein moderater aber beständiger Lagerrückgang zu beobachten. So sind die Nickellager in 31 der letzten 40 Handelstage rückläufig gewesen. Aktuell belaufen sich die überschüssigen Bestände in den LME-Warenhäusern auf rund 47.500 t. Zwar bleibt das Lagerniveau damit weiterhin hoch, die Aufstockung seit Jahresbeginn wurde durch die jüngste Entwicklung hingegen komplett egalisiert.

Nickelnachfrage Chinas wächst weiter stark
Wie die nebenstehende Grafik zeigt, hat sich die Nickelnachfrage Chinas nach dem starken Einbruch Mitte 2007 rasch erholt. Die sichtbare Nickelnachfrage der Volksrepublik, d.h. die inländische Produktion plus der Netto-Importe, lag im April bei 22.400 t und damit nur unwesentlich unter dem bisherigen Rekordwert vom Dezember 2006. Von Januar bis April legte die Nachfrage im Reich der Mitte gar um 32% gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Wenngleich dies nicht zwangsläufig den realen Nachfragezuwachs widerspiegelt - da Lagerveränderungen aufgrund mangelnder Datenverfügbarkeit nicht berücksichtigt werden können - wird doch ersichtlich, dass die Nachfragedynamik des weltweit wichtigsten Konsumenten (1/4 des Weltkonsums entfällt auf China) weiterhin hoch ist.
INSG: Weltnickelverbrauch 2008 mit neuem Rekord
Nach Auffassung der Brancheninstitution International Nickel Study Group (INSG) wird der Weltverbrauch von Nickel im Jahr 2008 einen neuen Rekordwert von 1,47 Mio t (+13%) erreichen. Zugleich steigt die weltweite Produktion um 6,9% auf 1,54 Mio t. Demnach verbliebe (ohne Einbezug möglicher Produktionsstörungen) ein geringfügiger Marktüberschuss von rund 70.000 t.

Fazit
Von der technischen Warte aus stellt das angeschlagene Chartbild sicherlich ein Risiko für Nickelinvestoren und –produzenten (bzw. Hoffnung für Verbraucher) dar. So könnte ein Bruch des 21.000 USD-Widerstandes kurzfristig weitere Kursverluste nach sich ziehen. Angesichts der genannten Verbesserung der Fundamentaldaten sehen wir den Nickelpreis zumindest mittelfristig jedoch eher bei einem Niveau von 25.000 USD und darüber als “fair“ bewertet.
© Sven Streitmayer
Commodity Analyst
Quelle: Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart
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